Präambel
In kleinen Ideen, Fragen oder Beobachtungen möchte ich mich in diesem Blog vom unmittelbaren Involviert-sein im Leben lösen. Alle Texte auf diesem Blog sind ohne Verwendung von KI-Anwendungen entstanden.
Ewige Wiederkunft des Gleichen und die Ewigkeitsprobe für den Alltag (28.08.2026)



Was gibt der kleinen, alltäglichen Entscheidung für oder wider etwas eigentlich ihr Gewicht? Was ist schon eine kleine Entscheidung in Anbetracht des ganzen Lebens? (Abgesehen von den wenigen großen Entscheidungsmomenten im Leben).
Und weitergedacht: Sind Entscheidungen nicht von Grunde auf egal, weil man nur eine begrenzte Zeit auf Erden ist – oder noch besser: weil noch etwas nach dem Tod kommen mag? Woran festmachen, ob das eigene Leben stimmig und sinnig ist, wie man es lebt?
Eine interessante Antwort für diese Fragen habe ich neulich in Nietzsches „Also Zarathustra“ (wieder-)gelesen. Nietzsche läd seine Leser durch seine Figur „Zarathustra“ zu einem hypothetischen Gedankenexperiment ein, das den Namen „Der Gedanke der Ewigen Wiederkunft des Gleichen“1 erhalten hat.
Ein Dämon teilt Nietzsches Erzählfigur Zarathustra mit, dass er für alle Ewigkeit dazu verdammt ist, das gleiche Leben auf ewig und immer wiederholen zu müssen. Das gleiche Leben wird er haargenau immer wieder leben – mit all seinen Höhen und Tiefen, in jeder einzelnen Handlung und jedem positiven oder negativen Gefühl. Ohne, dass er sich an das vorherige Leben erinnern können wird. Und damit auch ohne, dass er für die weiteren Leben dazulernen könnte. Würden wir den Dämon verfluchen oder könnten wir mit der ewigen Wiederkunft unseren Frieden finden? Zarathustra tendiert zunächst zum Ersteren und empfindet nichts als Ekel, dass somit auch die „Kleinsten“ Dinge und Menschen neben den Größten wiederkehren würden.
Ich kann verstehen, dass die Vorstellung einen wahnsinnig machen, vielleicht auch anekeln kann, nicht dazulernen zu können und es nicht besser machen zu können, sondern gefangen zu sein in stumpfer Wiederholung. Nicht gerade schön, die Vorstellung, verpasste Chancen und falsch genommene Abbiegungen im Lebensweg schlicht noch einmal zu erleben. Von anderen Menschen zu schweigen, deren Taten schon für einmal genommen abstoßend genug sind.
Doch in Zarathustras weiterer Wanderschaft und poetischer Gedankenentwicklungen deutet sich ein anderer Zugang an: Wer das Leben wirklich bejaht, sich also immer wieder entscheidet, es mit allem Ernst vollumfänglich zu lieben, der muss auch das Weh, die Scham, den Ekel ebenso wollen. Die Lebenskunst bestünde nicht in der Haltung allen Schmerz möglichst zu umgehen. Die Kunst bestünde in einem Leben, das ich in seiner Gesamtheit bejahe – weil es nur so zu haben ist. Aber nocheinmal: Ja, sicher gehört Schmerz dazu. Ein rein lustvolles Leben wäre vermutlich keines, sondern langweilig und bedeutungslos. Aber zu jedem Ekel, jeder Scham ja zu sagen, und wollen sie immer wieder zu durchleben?
Vielleicht ist der Gedanke tragbarer für eine Entscheidungshilfe im kleinen Alltag: Wenn ich mir vorstelle – nur einmal hypothetisch vorstelle es wäre so – dass ich die nächste Handlung bis in alle Ewigkeit wieder genauso machen werde, würde ich sie dann noch tun wollen?
Diese Frage gibt dem kleinsten Moment größte Bedeutung. Es mag nur ein hypothetischer Gedanke sein, aber er könnte die Haltung dennoch verändern. Was ist sonst schon eine kleine Entscheidung in Anbetracht des ganzen Lebens? Mit der Ewigkeitsprobe2 erhält die einzelne Entscheidung eine neue Intensität – macht den Moment spürbarer.
Das bedeutet allerdings nicht, dass Entscheidungen endgültig sind. Was man nach dem Schulabschluss macht, mag eine überfordernd große Frage sein, weil es so scheint, sie lege das ganze Leben fest, das sonst auch anders sein könnte. Die „Ewigkeitsprobe“2 schließt nicht aus, dass man Umwege geht oder falsche Entscheidungen trifft. Die Probe betont nur, dass es nicht egal ist, über meine Lebensweise und scheinbar irrelevante kleine Entscheidungen nachzudenken.
Mein besonderer Dank gilt den Besuchern des philosophischen Cafés der VHS Flensburg am 23.8.2026, deren Redebeiträge diesen Text mit-inspiriert haben.
1 Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra I – IV. In: Kritische Studienausgabe in 15 Bänden, hrsg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari, Band 4, dtv/de Gruyter 1988, ins. S. 270-277.
2 Konrad Paul Liessmann, Alle Lust will Ewigkeit. Mitternächtliche Versuchungen. 2. Auflage, Wien: Paul Zsolnay Verlag 2021, zur „Ewigkeitsprobe“, insb. S. 269-276.
Kunstwerk-Ausschnitte: Die Philosophie, Gustav Klimt (1900)